KNAUFTS WENDE

By admin 24th Oktober 2021

Nach einem Verkehrsunfall in der DDR deckt die Statssicherheit den Fahrer unter mysteriösen Umständen. Ein Junge bleibt schwerverletzt zurück. Später verkehren sich die Vorzeichen von Recht und Glück für alle Beteiligten. Rekonstruktion eines Falles, der die Seelenlage zweier Familien bis heute bestimmt.

Januar 1986, ein Wochenanfang. Bärbel Christ ist bei den Uhren. Sie hat sich ihre Hände eingecremt, die rissige Haut, die Wetterstation in Leinefelde meldet fünf Grad Celsius, etwas wärmer als die Tage zuvor. Der letzte Schnee ist am Wochenende geschmolzen, das Weiß ist wieder grau geworden.

Hans Madeheim ist auf der Durchfahrt. Für den Staatlichen Forstwirtschaftsbetrieb transportiert er Faserholz für die Spanplattenindustrie. Exportware, das meiste davon geht in den Westen. Sein Fahrzeug passiert den Kalk-Steinbruch in Kallmerode, auf einem kurvenlosen Abschnitt der Dingelstädter Straße nehmen Hans Madeheim und sein Beifahrer einen Schluck Kaffee aus den Deckeln ihrer Thermosflaschen. Sie blicken aus dem Fahrerhaus: Januarkarg liegen die Felder vor der Ortseinfahrt Leinefelde Süd.

Dominik Knauft, gerade aufgesprungen, läuft den Schulweg zurück nach Hause. Er hat eine Eins in Mathe, er möchte seinem Vater davon erzählen.

Bärbel Christ steht in der Uhrenwerkstatt ihres Schmuckladens und schaut durch die Kellerluke auf die Straße. Da steigt ein aufgeregter Mann aus einem Kleinbus, jemand anderes ruft um Hilfe. Bärbel Christ läuft aus dem Laden nach draußen.

Hans Madeheim und sein Beifahrer haben in ihrer Fahrerkabine nichts bemerkt. Ein Fahrschullehrer setzt dem Holztransport in seinem hellgelben Wartburg hinterher, stoppt ihn am Ortsausgang: „Sie haben dahinten gerade ein Kind überfahren.“

„Toter Winkel“, sagt der Beifahrer.

„Toter Winkel“, denkt Madeheim.

Der aufgeregte Mann fischt den Jungen von der Straße, trägt ihn über die beiden Stufen bis in den Schmuckladen. Dominik wird auf den warmen, rotgemusterten Teppich gelegt.

„Die Hose habe ich erst zu Weihnachten bekommen“, sagt er, „die dürfen sie mir nicht aufschneiden.“

Dominik wird beim Überqueren der Kreuzung erfasst und 25 Meter über die Straße geschleift. Die Stoßstange erwischt ihn am Kopf, die Hinterräder haben ihm beide Beine überfahren. Er hat innere Blutungen, einen Beckensprung, die Harnröhre ist abgerissen. Der Notarzt bringt Dominik in das Kreiskrankenhaus in Reifenstein, ein ehemaliges Zisterzienserkloster, weite Flure, hohe Decken, Dominik verliert das Bewusstsein.

Der Unfall, ihr Sohn

Es ist ruhig bei Familie Knauft, ein stiller, ein langsamer Abend. Hartmut Knauft sitzt in der Straßeneinfahrt in Sportkleidung auf einem Einrad und trainiert sein Gleichgewicht. Elisabeth Knauft kocht Espresso. Sie hat seit der Wende in ihrem Haus ein Kosmetikstudio, hinten über den Hof, Vorder- und Hintergarten sind sauber abgezirkelt.

Elisabeth Knauft faltet die Hände. Ein wenig Anspannung ist dabei. Vor allem wegen der Fotos, die gemacht werden, aber auch immer noch aufwühlend: der Unfall, ihr Sohn.

„Mein Mann lässt sich bestimmt gerne fotografieren“, sagt sie.

 „Du bist doch extra noch beim Friseur gewesen, hast du gesagt“, sagt Hartmut Knauft nach absolvierter Einrad-Einheit. Heiterkeit. Nach fünf Minuten im Haus von Familie Knauft ist klar, dass es hier nicht bloß sehr ordentlich, sondern auch sehr herzlich zugeht.

„Als Dominik den Unfall hatte, habe ich noch als Hautärztin gearbeitet“, sagt Elisabeth Knauft. „Der Klinikleiter hat mich und meinen Mann ins Krankenhaus gefahren. Wir selbst haben uns erst nach dem Unfall einen gebrauchten Trabant gekauft.“

Die Volkspolizei hatte die Passanten, die Augenzeugen auf der Kreuzung, sofort vernommen. Die zu Protokoll gebrachten Aussagen sind einstimmig: Dominik hatte die Ampel bei grün überquert. Den Jungen traf keine Schuld.

Dies ist die erste offizielle Version der Geschichte, die Familie Knauft erreicht. „Gesehen haben wir Dominik erst am nächsten Tag“, sagt Elisabeth Knauft, „und da lag er intensiv. Wir wussten ja noch gar nicht, ob er wieder in Ordnung kommt.“

 „Die Polizei hat Dominik direkt nach dem Aufwachen befragt und unsere Fragen abgewimmelt“, sagen die Knaufts. Wenige Tage später kam ein Brief der Volkspolizei, alle Aussagen seien zurückgezogen, kein Schadensersatz, alle weiteren Versuche zwecklos. 

„Wir haben uns komplett ohnmächtig gefühlt damals“, sagt Elisabeth Knauft, man könne sich heute nur schwer in die Perfidität des Systems hineindenken. „Ich kann mir nur vorstellen, dass sie den Fahrer unter Druck gesetzt haben, dass er gezwungen wurde, IM zu werden. Oder er ist es vorher schon gewesen. Anders kann ich es mir heute nicht zusammenreimen.“

„Ich weiß noch, seine Oma hat damals aus dem Westen einen Walkman mitgebracht“, erzählt Hartmut Knauft. „Da hatten wir ihm so eine Kassette gegeben, wo mal was Lustiges drauf war. Dominik sagte, er könne die Kassette nicht hören, beim Lachen hatte er furchtbare Schmerzen.“

Die Urologische Abteilung in Reifenstein wird 1965 eröffnet. 1977 kommen die Intensivstation und die Abteilungen Anästhesie und Intensivmedizin dazu. Die Einrichtung, das ist Dominiks großes Glück, ist auf den Notfall gut vorbereitet.

Als Dominik aufwacht, hat er Schläuche im Bauch, die Beine sind komplett eingegipst. Irgendwann werden es weniger Schläuche. Dann gibt es eine neue OP und die Schläuche sind wieder da. Es dauert viele Wochen, bis die Ärzte sicher sind, dass er wieder auf die Beine kommt.

„Am Anfang wurde gesagt, ich würde nie wieder laufen können. Es hieß, ich würde immer diesen Katheter tragen müssen“, sagt Dominik. „Todesangst hatte ich keine. Ich hatte Angst vor bestimmten Tagen. Wenn wieder eine Operation anstand. Wenn Kontrastmittel gespritzt oder die Blasenwand durchstochen wurde.“

Dominik liegt mit älteren Männern zusammen, denen sie Gallensteine entfernt haben. Er hat die Tage für sich und seine Gedankenwelt. Schmerzen hinterlassen kleine Spuren. Doch er beschreibt die Zeit im Krankenhaus, wie sie ihm vorkam, vor allem als eine Zeit der ersten intensiven Selbstwahrnehmung.

„Man hat mir im Krankenhaus das Bett ans Fenster gerückt, und ich dachte, wenn ich diesen Ort jemals verlasse, will ich die ganze Welt sehen.“

Die Grenze, sein Leben

Am Abend des Unfalls steht Hans Madeheim mit einer Tafel Schokolade am Empfang des Krankenhauses. Er wird gebeten, zu warten – dann wird er gebeten, zu gehen. Dem Jungen gehe es zu schlecht.

Schwermütig kommt Hans Madeheim in sein Zuhause in Bollstedt an der Unstrut. Schwermütig ist ihm noch oft, wenn er mit seinem Beifahrer Siegfried Lehmann, genannt Seemann, über den Unfall und den Jungen aus Leinefelde spricht.

„Du hast ihn auch nicht gesehen, Seemann.“

„Ich habe ihn auch nicht gesehen, Hans.“

Er ist sein ganzes Leben nur gefahren, sagen die Kinder. Oft die Strecke hoch nach Leinefelde, jeden Tag Holz, entastet und entwipfelt, meistens aus dem Raum Mühlhausen und fast immer mit Passierschein durchs Grenzgebiet. Seit 1953 ist Hans Madeheim als Kraftfahrer tätig für den Forst. 1983 bekommt er eine Urkunde für 30 Jahre unfallfreies Fahren. Ein Mann, dem man vertrauen kann. Die Grenze war sein Leben.

Hans Madeheim muss den Unfall noch am Nachmittag mehrfach nachstellen. Sadismus der Volkspolizei. Es schüttelt ihn hinter dem Steuer, da liegt etwas in Trümmern in ihm. Es waren ja unglückliche Umstände. Das plumpe Fahrzeug, ein russischer Kamaz Lkw, Lizenzfahrzeug mit Riesenkraft, mit Atlaskran und Anhänger, die Ampel, die kurze Grünphase, der quicke Junge, peng.

Nach der Grenzöffnung kommen in Leinefelde die ersten Stasigeschichten ans Licht. Die Stärke der katholischen Kirche im Eichsfeld war dem Staatsapparat suspekt, so wurde bisweilen besonders heimtückisch vorgegangen. Dominik erzählt die Geschichte eines Leinefelder Lehrerehepaars, das sich gegenseitig über 25 Jahre hinweg bespitzelte. Staatssicherheitssadismus.

Die meisten lernten mit dem Überwachtwerden zu leben. Aus Selbstschutz. Oder als andere Form des Widerstands. Die Knaufts waren keine Dissidenten, eher still in ihrer Ablehnung staatlicher Bevormundung. Und durch den Unfall und die Reaktion des Staates logischerweise eingeschüchtert auch.

An der Teistunger Straße bei Worbis, dem Nachbarort von Leinefelde, liegt ein verlassener Grenzposten. Im Sommer 1991 spielt die Freundin von Dominiks bestem Freund Göran auf den Feldern. Den Grenzposten haben sie oft gesehen, sie nie hineingewagt, ihn wahrgenommen als dunklen Ort der Erwachsenenwelt. Aber einmal finden sie einen spaltweit aufgerissenen Einstieg durch den Keller und wühlen sich durch das ganze Haus. Da liegen ein paar Kisten und Ordner, verstaubte Artefakte. In einem schließlich finden sich, sauber dokumentiert, die Berichte über den Unfall auf der Kreuzung in Leinefelde fünf Jahre zuvor.

Dominik hält in den Händen, was seinen Eltern nach dem Unfall unzugänglich war. Ein schriftlicher Beweis und eine entscheidende Formulierung: „Die Ermittlungen der Deutschen Volkspolizei ergaben bis zum heutigen Zeitpunkt, daß der Kraftfahrer die alleinige Schuld an diesem Unfall trägt.“

Dominik nimmt sich einen Anwalt. Dann noch einen. Es kommt zu Schriftwechseln, immer wieder und immer wieder noch einmal neu. Eineinhalb Jahre vergehen, dann gibt es Geld. Ein Kompromiss im beschleunigten Verfahren, 5000 D-Mark Schmerzensgeld, zwölf Jahre nach den Schmerzen.

Dominik arbeitet heute als Journalist beim Fernsehen. Er ist ein heller Kopf, ein gut gelaunter junger Mann. Dem Fahrer des Lkw, mit dem er sich nie hatte auseinander setzen wollen, macht er keine Vorwürfe mehr. Er hat ihn deshalb auch nie angezeigt.

Heute ein Reisebüro

Wir spazieren noch einmal die Durchfahrtstraße von Leinefelde entlang, an Kreuzen und Kapellen vorbei: Das Katholische, das Konservative ist tief verwurzelt, das betont Autochthone, Leise, der kühle Stolz des Kleinstädtischen.

„Ich kann an Gott glauben, ich muss dafür nicht organisiert sein“, hatte Elisabeth Knauft am Küchentisch gesagt. Und es war ein Gespräch losgegangen über das katholische Eichsfeld und eine Welt des Schweigens. Dass der Glaube als Ideologieersatz auch Amnesie und falsche Läuterung bedeutet hat, davon ist sie überzeugt. Die Gottesdienste hatten für sie immer etwas Heuchlerisches, diese konstruierte Strenge, „als hätten einige da schweigend was absitzen wollen.“

Die Unfall-Kreuzung heute, fast 29 Jahre nach dem Unfall, die kleine Einkaufsstraße, bunte Fassaden, ein 99 Cent Laden mit dem Internet-Namen „Schnäppchen-Jäger24.de“, eine Café-Bäckerei ohne Namen, das Haus des ehemaligen Spielwarengeschäfts Leineweber, heute ein Reisebüro, das Blumenhaus Bause („Wir vermitteln, was Sie fühlen“) und, auf der anderen Seite der Kreuzung, die Motorradkneipe „Zum feuchten Eck“. Das Schmuckhaus Christ gibt es nicht mehr.

Bärbel Christ, die heute einmal im Monat zu Elisabeth Knauft ins Kosmetikstudio geht, um sich ihre Nägel machen zu lassen, deutet an, wie schwierig es auch heute ist, über damals zu reden, wie die Verschwiegenheit das Leben vieler Menschen hier immer noch prägt. Es herrsche eine Verunsicherung beim Sprechen über damals. „Darf man ja gar nicht erzählen“, sagt sie, „aber wir hatten schon auch Vorzüge durch unseren Laden, konnten etwa Schmuck gegen andere Wertgegenstände tauschen.“

Es ist schwer zu ermitteln, wovon Familie Madeheim profitiert hat. Hans Madeheim selbst kann nicht mehr sprechen. Er ist am 26. Januar 2013 verstorben. Sohn und Schwiegertochter erinnern sich zunächst gerne an den Vater. Detlev Madeheim beschreibt seinen Vater als ruhigen Mann. Besonnen, technisch und handwerklich begabt. „Einer, der aus allem etwas machen konnte, sich aber selbst aus wenig viel machte.“

Ein Jahr nach Beitritt der DDR zur Bundesrepublik wird der Staatliche Forstbetrieb aufgelöst. Mit 59 geht Hans Madeheim, weil es keine Arbeit mehr gibt für ihn, in den Vorruhestand. Den Jungen aus Leinefelde hat er nie gesehen.

Doch urplötzlich, als Fragen gefragt werden über früher, wollen die Madeheims nicht mehr reden. Der Ton wird barsch, das Gesprächsende ausweglos.

„Über die DDR werden überall nur falsche Dinge geschrieben“, sagt Madeheim, der sonst als Fußballschiedsrichter im Ort den Unparteiischen gibt. Auf den Hinweis, dass er ja nun noch einmal Gelegenheit habe, dies richtig zu stellen, erwidert er nur, es sei alles gesagt.

Bilder vom besseren Leben

Und vielleicht stimmt das auch. Sein Vater ist vom Staat geschützt worden. Die Familie Madeheim hat in der DDR ein gutes Leben gelebt. Sie sagen, sie haben sich wohl gefühlt. „Behütet“, sagen sie. 

Familie Knauft ist am späten 9. November 1989 in einem Trabant Modell 601 über die Westgrenze gefahren und lernte eine Familie aus Göttingen kennen, mit der sie noch heute befreundet ist.

Familie Madeheim ist am 9. November nicht in den Westen gefahren. „So neugierig waren wir da nicht“, sagt Detlev Madeheim.

Der Unfallaugenblick in Leinefelde hat die Lebenslinien der Knaufts und der Madeheims bis in die Gegenwart hinein gegabelt, die Wende, sie wurde zur Angstumwendung für die Familien. Die Madeheims sehen die DDR als sorgenfreie Heimat, in der sie sich ideologisch und beruflich eingebettet fühlten. Fragen machen Angst. Von hinten und von vorne drückt und droht das Ungewisse. Die Knaufts sind heute dankbar, sagen zu können, was sie wollen, ihre Angst war mit der Wende fort.

Die Knaufts haben damals nicht die Freiheit gewählt oder das Neue Forum oder sich selbst, sondern Helmut Kohl und die Bilder vom besseren Leben.

„Vielleicht waren es zu viele Träume auf einmal, die plötzlich in Erfüllung gingen“, hatte Dominik Knauft gesagt, beim Sprechen über die Nachwendezeit. Er sagte: „Ende der Neunziger war mein Interesse am Westen erloschen. Als der Osten wieder spannend wurde.“

© Jasper Fabian Wenzel / Krautreporter 13. März 2015

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