SCHEISSEGAL, ICH REDE SO

By admin 26th Oktober 2021

Robert Habeck fremdelt mit der verzagten Wahlkampagne seiner Partei. In Schleswig-Holstein kämpft der verhinderte Kanzlerkandidat der Grünen um ein Direktmandat. Sein Führungsanspruch zeigt sich unvermindert.

Ich kenne ihn, aber er kennt mich nicht“, sagt Uta Bergfeld. Die Geschäftsstelle der Grünen in Schleswig liegt neben dem Schuh- und Schlüsselprofi im Stadtzentrum, Robert Habeck hat Berlin am Telefon, Uta Bergfeld gießt noch eben die Blumen.

Die Schleswiger Grünen und die Referenten aus der Hauptstadt, die ihren Parteivorsitzenden an diesen Julitagen begleiten, stehen sich etwas scheu gegenüber. Die Schleswiger sprechen offen, die Berliner möchten lieber nicht so viel sagen.

Uta Bergfeld lehnt an der Hauswand in der Sonne, zündet sich eine Zigarette an und spricht über den, der da telefoniert, der sie mit Anfang fünfzig noch in die Politik getrieben hat. Bergfeld ist Habecks Nachfolgerin als Kreisvorsitzende. Sie sagt: „Das Tolle ist ja, dass ich als Ehrenamtliche auch mal sagen kann: ‚Robert, da hab ich kein’ Bock drauf.‘“

Nicht wenigen geht die Berliner Parteizentrale, die alles steuern möchte, dabei aber selbst überlastet ist, gerade ein bisschen auf die Nerven. Viele Grüne im Norden arbeiten im Tourismus und machen in der Hochsaison auch noch Wahlkampf bis zur Erschöpfung. Da gibt es die Listenkandidatin, die sich beim Plakateaufhängen eine Rippe bricht, es gibt Uta Bergfeld, die sich Grippostad C und Paracetamol eingeworfen hat, und es gibt ein paar brummige Freiwillige von der Grünen Jugend, die sagen: „Nicht mal über die Playlist, die vor Roberts Auftritten gespielt wird, bestimmen wir. Das kommt alles aus Berlin.“

Robert Habeck sieht aus, als wäre ihm gerade aufgefallen, dass alles gar nicht so übel läuft für ihn. Nach einer Urlaubswoche mit Campingkocher, wie er bei Markus Lanz freimütig erklärte, wird er bemerkt haben, wie angenehm seine neue Rolle sein kann: Nummer zwei, aber doch gefühlte Nummer eins. Er wippt, er federt, ein Mercutio in einem neuen ersten Akt, ganz schön frei.

Man sieht den früheren Landesminister für Energiewende, Landwirtschaft und Umwelt vor Leuchttürmen, im Wattenmeer, im Sandstrand sitzen, Habeck im Regen, Habeck im Wind. Er war in Flensburg, wo er wohnt, war in Heikendorf bei Kiel, seinem Heimatort, und nun also Schleswig, wo vor zwei Jahrzehnten sein politischer Lebenslauf begann. Er kämpft hier, Wahlkreis 1, um ein Direktmandat, was ein Prestigeerfolg wäre, was nach der Wahl noch wichtig werden könnte für ihn.

Rausgehen, ein bisschen streiten

Am Vormittag steht Habeck im Stall zwischen Heuballen und vierzinkiger Mistgabel und sagt: „Wollen wir mal rausgehen und ein bisschen streiten?“ Auf dem Vorplatz umkreist ihn eine Schar Milchbauern und Journalisten. Wahlkampf auf einem Biohof, fast so wie vor der Pandemie.

Habeck weiß: vor Kameras nicht ins Gesicht fassen. Er hat, etwas gedrückt und schräg nach vorn gelehnt, die Hände in den Hosentaschen. Was bei Armin Laschets Ortsterminen wie versteckt, verzagt und zugeknöpft, nach echtem Unwohlsein aussehen kann, wirkt bei Habeck sportlicher, er trägt einen dunkelblauen Pulli und schwarze Jeans, seine Daumen gucken dabei aus den Taschen raus. Man kann dem jungen Barack Obama in einem aktuellen Porträt des amerikanischen Fernsehsenders HBO bei einer Rede zusehen, wie er nach jeder Geste die rechte Hand in der Hosentasche verschwinden lässt, um sie für die nächste Pointe sogleich wieder rausschießen zu lassen: Deklamation und Nachwirkung, Pose des Wechsels von Dringlichkeit und Lässigkeit, von öffentlich und intim. Es ist diese Inszenierung vom unverkrampften Handeln, die zum Erfolg der Obamas, Macrons und Trudeaus dieser Welt beigetragen hat. Man möchte schließlich niemanden wählen müssen, der den Eindruck macht, er sei überforderter als man selbst.

Habeck bedient diese Bilder des scheinbar Mühelosen. Dass sich Großes auch cool angehen lässt. Er fläzt gerne, sitzt schief und telefoniert mit einem Bein auf kniehohen Mauern. Er findet es selbst lustig, dass man als Politiker mit Anfang fünfzig noch jungenhaft wirken kann („Gibt es ja sonst nur bei Schriftstellern“). Während Habeck noch mit den Landwirten über Milchproduktpreise spricht, legt sich ihm eine Berner Sennenhündin vor die Füße und bleibt für den Rest des Gesprächs dort liegen. Mehr machtbewusste Ruhepose inmitten der Meute geht nun wirklich nicht.

Vielleicht ist Robert Habeck zum letzten Mal so zu erleben in diesem Wahlkampf. Mit der Macht wächst die Unnahbarkeit, er weiß das. Vor zehn Jahren sagte er dem Reporter, er hoffe, nie einen Personenschützer haben zu müssen. In Schleswig begleiten ihn schon zwei.

Ungeduldiger Ansturm nach den Wartejahren

„Mir ist es nicht gelungen, meine politische Vita so zu erklären, dass sie in Berlin verstanden wurde“, hatte Habeck nach der Nominierung Annalena Baerbocks zur Kanzlerkandidatin gesagt. „Wie so ein Novize“ habe er sich behandelt gefühlt, als einer, dessen Zeit als Fraktionschef, Minister und Vize-Ministerpräsident in Schleswig-Holstein nicht ausreichend gewürdigt wurde. „Ständig war ich der Schriftsteller, der Philosoph. Dass ich erfolgreich zwei Regierungen geschmiedet habe, hat plötzlich niemanden mehr interessiert.“

Was er sagen will: Natürlich wäre er mit seiner Regierungserfahrung der bessere Kanzlerkandidat gewesen. Habeck sieht jetzt nach Ärger aus, das sitzt noch immer. „Scheißegal“, sagt er. Seine Sprecherin fragt, ob er ein Eis möchte.

„Nö!“

In den zurückliegenden Jahren ist Habeck ohne Mandat ins Risiko eines langen Wahlkampfs für sich selbst gegangen. Baerbock sitzt im Bundestag, Habeck in den Talkshows. Es sind Pendeljahre, ICE und Regionalexpress, in Flensburg sieht man Habeck nicht selten vor dem Bahnhof mit dem Telefon auf dem Randstein sitzen. Er sagt, er wünscht sich Applaus fürs Regieren, nicht fürs Reden, und so wirken die Auftritte im Norden wie ein ungeduldiger Ansturm nach den Wartejahren.

Habeck wäre gerne schon 2017 Spitzenkandidat geworden, unterliegt in der parteiinternen Urwahl Cem Özdemir um gerade mal 75 Stimmen. Nach den enttäuschenden 8,9 Prozent bei der Bundestagswahl drängelt er weiter: „Wir können uns doch nicht damit zufriedengeben, dass wir nur dann Erfolg haben, wenn gerade irgendwo ein AKW explodiert.“ Zustimmungswürdig werden außerhalb des Ausnahmezustands und jenseits der grünen Milieus ist Versprechen und Forderung zugleich an seine Partei, als er im Januar 2018 im Duett mit Baerbock zum neuen Bundesvorsitzenden gewählt wird. Wie einst Joschka Fischer hat Habeck eine größere Reichweite als die grüne Kernwählerschaft. Wie einst Fischer fordert Habeck seine Partei inhaltlich und stilistisch heraus. Und noch immer fürchten manche Grüne: Wer aus der Nische kommt, löst sich auf.

Die ersten Monate der Doppelspitze sind ein medialer Erfolg, vor allem für Habeck, der von allen Seiten überfrachtet wird mit Hoffnungen. Kaum einer erwartet damals, dass die Große Koalition die Wahlperiode überdauert. Im Hitzesommer 2018 holen die Grünen bei den Landtagswahlen in der Mitte Münchens 42,5 Prozent und noch einmal 42,5 Prozent im Landkreis Wentorf bei den Kommunalwahlen in Schleswig-Holstein – Richtwerte für ein neues Grünes Selbstverständnis. 2019 beginnt mit einem Hackerangriff auf das Privatleben Habecks und seiner Familie, aber es ist auch das Jahr eines politischen Highscores, den 20,5 Prozent der Grünen bei der Europawahl.

Dann kommt Corona. Keine einfache Zeit für jemanden, der von sich sagen kann, seine Form, Politik zu machen, ist die Begegnung. Habeck, dessen Arbeitsplatz die Bühne war, wirkt ohne Regierungsfunktion randständig, wenn er reinruft in die Pandemieberichterstattung. Seine Gegner erzählen jetzt über ihn die Geschichte des Romanciers und Philosophen, die ihn noch immer so aufregen kann. Das hat auch das Team um die Netzwerkerin Baerbock gekonnt bespielt und um die Co-Vorsitzende das Gegenimage der fleißigen Sachpolitikerin aufgebaut. Habeck hat sich der Parteilogik widersetzt und über viele Jahre in unzähligen Formaten ausleuchten lassen. Mit seiner sorgfältig kuratierten Selbstauskunft stößt er im ersten Pandemiejahr ans Ende der Verwertbarkeit. Er wirkt einstweilen durchfühlt. Lange konnte Habeck medienwirksam profitieren von seiner Eigenwilligkeit, aber vielleicht hat er in der entscheidenden Phase des Machtspiels mit Baerbock den Einfluss der Talkshowauftritte überschätzt und sich etwas zu lange aufgehalten mit der Frage: Wie erneuere ich die Erzählung meiner politischen Identität bis zur Kanzlertauglichkeit?

Die Gunst für Politiker ist nie bedingungslos. Manchmal gibt es einen Vertrauensvorschuss aufgrund von Charisma, einer großen Leistung oder eines persönlichen Schicksalsschlags. Aufsteiger müssen sich besonders beweisen und zugleich an den Druck gewöhnen, täglich neu vermessen zu werden. Für Habeck ist die Ohnmacht gegenüber der veröffentlichten Meinung oft nur schwer zu ertragen. Hier endet die Geschichte des leichthin Coolen, von casual und nett, hier wird Habeck zum Kontrolletti, der sich in mancher Inszenierung verrennt.

Druckreife Erinnerungen

Es ist Abend geworden an der Uferpromenade der Schleswiger Königswiesen. Habeck steht auf einer kleinen Freilichtbühne. Er sagt jetzt, er habe, während er seiner Vorrednerin zuhörte, darüber nachgedacht, warum er eigentlich eingetreten sei bei den Grünen damals. Er spricht von seinem „Fridays-for-Future-Moment“, dem Reaktorunglück von Tschernobyl. Nach einer Aufführung von Shakespeares „Sommernachtstraum“ am Heikendorfer Gymnasium wenige Wochen nach der Katastrophe regnete es nur ganz leicht, aber genug, um Habecks hormonbewegten Schülertraum vom Tanzen in Pfützen und Küssen im Regen zu zerstören – die Leute liefen aus Angst vor der unsichtbaren Gefahr davon, und Habeck dachte, hier nimmt ihm eine unsichtbare Kraft seine Selbstbestimmung, seine Jugend, seine Freiheit. Eine starke Szene. Steht nur leider schon Wort für Wort auf Seite 21 in Habecks Sachbuch „Wer wagt, beginnt“.

Hat man ein Glaubwürdigkeitsproblem, wenn man Leuten innere Vorgänge schildert, die gar nicht stattgefunden haben? Wozu will Habeck es plötzlich so perfekt haben?

Eine Inszenierung kann eine legitime Überzeichnung von Inhalten sein. Gelingt sie nicht, wird es schnell peinlich. Aber was, wenn sie erst gelingt, wie in Schleswig, und später in sich zusammenfällt? Dann landet man schnell bei der Logik der Peinlichkeiten um Annalena Baerbock nach ihrer Kandidatenkür.

Habeck wird nachgesagt, er könne überall frei reden. In Schleswig wirkt er so frei wie ein Comedian, der ein Bühnenprogramm um recycelte Pointen variiert und auf Resonanz hin anpasst. Das Publikum bekommt ein Best-of-Habeck und Habeck bekommt Applaus dafür. Vor dem Auftritt muss ein 30-sekündiges Video für eine Instagram-Kampagne fünf Mal neu gedreht werden, weil sich Habeck verrechnet, verhaspelt, verräuspert. Er, ist oft zu lesen, sei der einzige Politiker in Deutschland, der nicht wie einer spricht. Er ist ein Politiker, der manchmal nicht wie einer spricht, er bricht mit Sprechritualen, ist aber, nach fast 20 Jahren in der Politik, längst nicht frei von Floskeln und Routinen. Habeck sagt: „Ich wäre ja mit dem Klammerbeutel gepudert.“ Er sagt: „Umgekehrt wird ein Schuh draus.“ Schon vor zehn Jahren sagte er dem Reporter: „Es gibt eine permanente Grenze, die ich auch als Begrenzung spüre, nämlich rhetorisch überziehen zu müssen, flacher argumentieren zu müssen, als ich es eigentlich wollte. Das ist einer öffentlichen Erwartungshaltung geschuldet, der ich nicht immer widerstehen kann.“

Jemand, der einmal Fehler gemacht hat und in der Öffentlichkeit dafür geradestehen musste, hat möglicherweise eine größere Neigung zu Kontrolle und Perfektion. Natürlich ist es auch ein Problem, wenn sich die Dinge wiederholen, wenn man immer besser wird in dem, was man macht, und unweigerlich sich langweilt und denkt, aber nie sagen darf: Ist mir zu blöd. Das ist die Schizophrenie des Berufspolitikers, der ständig zu anderen Klientelen spricht und dies natürlich beim Sprechen berücksichtigt. Bei Habeck wirkt der Drang zu orchestrieren aber besonders widersprüchlich, weil er das Image des Naturbelassenen kultiviert. Bei akuter Unterforderung scheint er zeigen zu wollen, dass er mehr kann, dann wird ihm die Politik zu eng. Eitelkeit zeigt sich auch in Momenten, in denen er nicht gelebten Biografien nachspürt oder darauf pocht, dass seine Mehrfachbegabung wahrgenommen wird, wie bei einem Auftritt in der Büchersendung „Das Literarische Quartett“, wo seine apodiktischen Urteile fachfremd und unbeholfen wirken. Vielleicht ist es dieser Hang zum Rollenwechsel, der einige bei Habeck zögern lässt. Angst vor zu viel Eigensinn an der Spitze, vor dem ewigen Joschka, der sich nicht mehr einfangen lässt.

Glätten, was zu glätten ist

Habeck kann verblüffen und enttäuschen. Er kann ausschweifen, grün und ungrün reden, ackern, schlagfertig, theatralisch sein. Aber Habeck ist keine Lichtgestalt, und bei allem performativen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz doch eher NDR als HBO. Die deutsche Politik ist keine Hochglanzveranstaltung, weil ihre Macher selten echte Stars sind, weil sie nicht jung sind oder nie jung waren, weil die Kommunikationserfordernisse längst zu groß geworden sind für eine Langstrecke fehlerloser Botschaften. Aber die Grünen sind stets bemüht und manchmal anmaßend in ihren Versuchen, zu glätten, was zu glätten ist. In Deutschland ist es üblich, dass Zitate autorisiert werden. Gesprächspartner bekommen also die Möglichkeit, das Gesagte vor Veröffentlichung noch einmal zu prüfen, Irrtümer auszuräumen und kleinere Änderungen vorzunehmen. Die Grünen haben einen ungewöhnlich hohen Nachregulierbedarf entwickelt und instrumentalisieren diese Autorisierungspraxis vielleicht noch stärker als die anderen Parteien: Interviewantworten werden sinnentstellt, Botschaften ergänzt, unerwünschte Passagen ausgetreten, gelöscht.

Als vier Zitate Habecks, die in diesem Text vorkommen sollen, zur Freigabe an die Pressestelle gesendet werden, kommen sieben Zitate zurück. Darunter nicht bestellte Trivialitäten wie „Ohne mein Leben in Dänemark wäre ich nicht der Politiker, der ich bin“. Es scheint einen Grundwiderspruch zu geben zwischen dem akrobatischen Außenappeal der Selbstpräsentationsmaschine Habeck und der verklemmten Kampagne der Grünen. Die Marke Habeck ist der politische Abenteurer, sein Bühnengestus: Scheißegal, so rede ich. Die mit wolkigen Worten zugedeckte Habeck-Version der Pressestelle klingt, als wolle sie einen verzagten Gefühlsminister forcieren. Es ist gar nicht lange her, da musste Habeck nach dem Posten einiger Pferdebilder erkennen, dass der Versuch, einer Instagram-Tauglichkeit hinterher zu eifern, politisch ins Leere läuft. Die Strategen der Grünen sind da noch nicht so weit.

„Aus dem Hintergrund müsste Habeck schießen“

Habeck wird derweil in einem silbergrauen Elektrovan durch Deutschland gefahren, er spricht auf Marktplätzen in Limburg, Würzburg, Paderborn. In Offenbach geht ein Regenschauer runter, Habeck stellt sich an den Rand des überdachten Podiums und sagt: „Dann werde ich eben auch nass.“ In Schwerin erklärt er den Ostdeutschen, weshalb die Skepsis der Ostdeutschen gegenüber den Grünen im Osten so groß ist, und macht dies an der Sprache fest: Agrarwende, Verkehrswende, Energiewende, das sei vielleicht zu viel der Wende für jene, die sich als Wendeverlierer sehen.

Nach vier Wochen steht Habeck wieder vor der noch hoch stehenden, heißen Augustsonne auf dem Stadtfeld in Schleswig. Michael Kellner, der Bundesgeschäftsführer der Grünen, sprach zum Wahlkampfauftakt von einer „Mördertour“, die jetzt zu einem Drittel geschafft ist. Habecks Fahrer liest 8050 gefahrene Kilometer vom Tacho ab, doch es geht irgendwie nicht voran. Während die roten und die schwarzen Balken in den Umfragen rauf und runter laufen, tut sich bei den Grünen kaum etwas.

„Aus dem Hintergrund müsste Habeck schießen“, ruft ein älterer Mann den jungen Freiwilligen beim Bühnenaufbau hinterher. Immer noch und immer wieder wollen die Leute wissen, warum denn nicht er Kanzlerkandidat geworden ist, ob da vielleicht doch noch was geht. Es geht aber nichts mehr, und so ist der Kampf um das Direktmandat zu Habecks kleiner Kandidatur geworden. Vor vier Jahren kamen die Grünen im Wahlkreis 1 nach Erststimmen auf 10 Prozent, die Kandidatin der Christdemokraten holte das Vierfache. Außerhalb von Friedrichshain-Kreuzberg haben die Grünen noch nie einen Wahlkreis auf Bundesebene direkt gewonnen. Es geht jetzt darum, einen Triumph herbeizuführen.

„Hier ist aber nicht alles nur Robert Habeck“, sagt Stefan Seidler und streckt die Arme über den Tisch seines Flensburger Büros. Nach 60 Jahren nimmt der Wählerverband der dänischen und der friesischen Minderheit wieder an einer Bundestagswahl teil und will, von der Fünfprozentklausel befreit, mindestens ein Mandat holen. SSW-Spitzenkandidat Seidler legt die Fingerspitzen aufeinander und macht ein freundliches Gesicht. Seine Mutter hat Habecks Söhne in der dänischen Schule unterrichtet, der Kreis der Minderheit ist klein. Habeck hatte Anfang der 2000er-Jahre selbst überlegt, in den SSW einzutreten, in vielen Fragen liegt man nah beieinander, eigentlich ein Duell der wechselseitigen Sympathie.

Umso mehr ärgert Habeck das Timing. Natürlich wäre es leichter gewesen, hier ohne die Dänen zu gewinnen. Kurz vor Weihnachten traf er sich mit den führenden Leuten der nach Mitgliedern drittgrößten Partei in Schleswig-Holstein, um eine gemeinsame Erststimmenkampagne für sich zu verhandeln. Doch daraus wurde nichts. Habeck klingt jetzt wieder verbissener, für ihn steht mehr auf dem Spiel als für Seidler. „Viele Leute wissen, dass auch ich in der Lage bin, Minderheiten zu vertreten. Ich nehme denen also auch Stimmen weg. Wer am Ende wem mehr wegnimmt, wird man sehen“, sagt Habeck in Schleswig. Stefan Seidler guckt jetzt noch freundlicher, macht eine Pause. Dann: „Was mir in den letzten Tagen aufgefallen ist: Das Direktmandat treibt ihn wirklich um.“

Seine Politik ist jetzt eine des Müssens

Bei seinem zweiten Auftritt im Norden pariert Habeck gekonnt einige Impfgegner, die da rumlärmen. Er rankt seine Rede um Agrarwende, Verkehrswende, Energiewende, die Sache mit der Sonne, die Sache mit dem Wind. Nach dem Applaus zerstreut sich die Menge, ein Ruf noch, ein Selfie, Habeck hält kurz still, dann Nicken und Gehen, er grüßt ein letztes Mal mit der Faust und steigt etwas schwerfälliger als noch im Juli in den Innenraum seines silbergrauen Elektrovans.

„Ich kenne ihn, aber er kennt mich nicht“, hatte die Kreisvorsitzende Uta Bergfeld über ihr Verhältnis zu ihrem Parteichef gesagt. Sie sagte: „Ich weiß alles über ihn, aber er weiß nichts über mich.“ Es klang nicht geknickt, ihr war das einfach nur aufgefallen.

Bergfeld kam nach einer Initiative gegen Fracking zu den Grünen, als in der Nähe ihres Dorfes gebohrt werden sollte. „Wir sind in den Fight gegen Roberts Ministerium gegangen und haben das verhindern können, weil er auf uns zugegangen ist. Das hat mich überzeugt. Dass sich etwas verändern lässt, wenn die richtigen Leute an den richtigen Stellen sitzen.“

Die Veränderung der Politik durch den Menschen dauert für gewöhnlich etwas länger als die Veränderung des Menschen durch die Politik. Habeck, der oft darüber nachdenkt, was Dinge mit ihm machen, tut viel, um auszusehen wie jemand, der immer noch macht, was er will. Aber natürlich ist er als angehender Bundesminister längst nicht mehr nur „der Robert“, als der er sich ankumpelnd vorstellt, wenn er für seine oder gemeinsame Sachen kurz Nahkontakt aufnimmt.

Was aber unentwegt aufleuchtet im Wahlkampf, ist sein Gespür für Stimmungen. Seine Fähigkeit, Menschen binnen kürzester Zeit aufzurütteln, mitzureißen, abzustoßen. Habeck demobilisiert nicht, er politisiert. Er, bereit auch mal aufzuprallen, ist der Körper vor dem Parteiprogramm, mit einer Körpersprache, die auch verstanden wird. Das unterscheidet ihn vom gegenwärtigen Kanzlerkandidatenfeld und macht ihn zum plausibelsten Angebot, das die Grünen zu bieten hätten.

Im Baerbock-Schlamassel machte sich Habeck als krisenkommunikativer Kopf der Partei unersetzbar. Er fand die richtigen und wichtigen Worte, als diese überfällig waren, als andere auswichen, schwankten, heillos schwafelten. Er hat dadurch neues Vertrauen gewonnen. Auch das dürfte nach dem Wahlsonntag noch eine Rolle spielen.

Wo man jetzt wohl stünde mit ihm? Bei den Grünen hört man im späten Bundestagswahlkampf Stimmen, die sagen, es sei vielleicht sogar ganz gut, dass der große Hype vorüber sei. Eine Regierung anzuführen wäre zu früh gekommen, die Partei könne dem noch nicht standhalten. Es sei eben besser, nachhaltig zu wachsen.

Habeck, der nichts lieber tun wollte, als dieser Republik als Kanzler zu dienen, lauert schon wieder. Sein Mobilisierungsmantra lautet krisenwärts: „Wir können nicht mehr nicht handeln, wir können nicht mehr nicht politisch sein.“ Seine Politik ist jetzt eine des Müssens. Aber vielleicht muss er nun erst einmal geduldig und ähnlich weitsichtig sein wie Angela Merkel, als sie Edmund Stoiber den Vortritt ließ. Im Jahr als Habeck auszog, um in einem Bahnhofslokal Kreisvorsitzender zu werden.

© Jasper Fabian Wenzel / Berliner Zeitung am Wochenende, 18./19. September 2021

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